Dresdner Straße 178
Für Erwachsene: 0371 - 333 12600 (Haus 2) Für Kinder: 0371 - 333 12200 (Haus 8)Für alle dringenden und lebensbedrohlichen medizinischen Notfälle (Flemmingstraße 2)
Telefon 0371 - 333 35500Für kardiologische Notfälle (zum Beispiel Herzinfarkt)
Telefon 0172 - 377 2436Flemmingstraße 2 (N022/Haus 1)
Telefon 0371 - 333 36328Bereitschaftspraxis der KVS
Allgemeinmedizinischer BehandlungsbereichFlemmingstraße 4, Haus B (Zugang über Seiteneingang Haus B)
weitere Informationen unter: bereitschaftspraxen.116117.de
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Die Zahlen belegen es: „Länder, die verstärkt Augenmerk auf Sepsis-Anzeichen legen, ihre Patienten screenen und Hygienemaßnahmen konsequent einhalten, konnten ihre Mortalitätsraten bei einer Sepsis signifikant auf unter 15 Prozent senken“, sagt Dr. med. Thomas Grünewald. Der Leiter der Infektionsmedizin in unserem Haus ist dafür verantwortlich, dass das neue Qualitätssicherungsverfahren Sepsis, das seit Anfang 2026 gilt, am Klinikum Chemnitz eingeführt und gelebt wird. Aus Anlass des Welt-sSepsis-Tages am 13. September erklärt der Internist und Infektiologe im Interview, was eine Sepsis ist, was diese Erkrankung so gefährlich macht und wie eine Leitlinie hier helfen.
Welche Bedeutung hat die Sepsis im Krankenhausalltag? Warum müssen wir uns überhaupt damit auseinandersetzen?
Sepsis ist eine der ganz wesentlichen schweren akuten Erkrankungen und verbunden mit einer sehr hohen Sterblichkeit. Die Sterblichkeit kann man senken durch ein adäquates Management der Erkrankung, vor allem durch frühzeitiges Erkennen. Das fängt in der Notaufnahme an und geht weiter in die Stationen bei den im Krankenhaus erworbenen Sepsis-Fällen. Es betrifft damit jeden im Krankenhaus.
Viele sagen ja Blutvergiftung, wenn sie Sepsis meinen. Kann man das so sagen? Was ist eine Sepsis überhaupt?
Für den Laien ist das Wort Blutvergiftung viel verständlicher und es stimmt schon: Giftstoffe von Bakterien oder Bakterien selber provozieren eine Entzündungsreaktion im Körper, die zu einer schweren Organschädigung führt. Oder medizinisch ausgedrückt: Eine Sepsis ist die qualitativ und quantitativ gestörte immunologische Antwort eines Wirtes auf einen Erreger oder Teile eines Erregers.
Wie bekommt man eine Sepsis?
Wir haben alle Bakterien im Körper und leben mit denen ganz gut. Aber, es können natürlich Bakterien eindringen, die nicht zu unserem Mikrobiom, zu unserer Bakterienflora gehören. Und diese Bakterien können Probleme machen. Die müssen gar nicht ins Blut eindringen – deshalb ist der Begriff Blutvergiftung für Sepsis nicht 100 Prozent treffend –, es reicht, wenn die Bakterien im Körper eine schwere Infektion hervorrufen und die Reaktion des Immunsystems auf die Infektion systemisch ist, also den ganzen Körper betrifft.
Auslöser kann zum Beispiel ein Mückenstich sein. Bakterien dringen über die geschädigte Haut in das Unterhautfettgewebe, in die Blutgefäße und verursachen dort eine Blutstrominfektion oder Blutvergiftung, die zu einem schweren Krankheitsverlauf führen kann. Also ganz simple Dinge – ein eingewachsener Nagel oder geschädigte Füße bei Diabetikern – können klassische Eintrittspforten an der Haut sein. Auch über Schleimhäute ist ein Eindringen von Erregern möglich, zum Beispiel durch bestimmte Bakterien, die zu einer schweren Lungenentzündung führen, die dann eine schwere systemische Immunreaktion zur Folge hat. Oder der Eintritt passiert über den Magen-Darm-Trakt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten.
Gibt es besonders gefährdete Personengruppen?
Personen, die ein gestörtes oder beeinträchtigtes Immunsystem haben, haben ein höheres Risiko, eine Sepsis zu bekommen, und außerdem ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf.
Wenn wir über Sepsis reden müssen, dann bedeutet das, dass es hier Probleme gibt. Wo genau liegen die?
Wir haben über Jahrzehnte gemerkt, dass wir zwar die Behandlung der Sepsis verbessern konnten, nicht zuletzt dank der Intensivmedizin, die wir über die Jahre optimiert haben. Aber, wir haben trotzdem immer noch hohe Todeszahlen. Die Sepsis gehört zu den tödlichsten Erkrankungen, die wir in unseren Breiten haben.
Warum ist es denn so schwierig, eine Sepsis zu erkennen?
Das Problem ist, dass sie so unspezifisch anfängt: Wir haben Bakterien, die eine Hirnhautentzündung hervorrufen können, die sogenannten Meningokokken. Die Erkrankung ist unangenehm, aber wir können sie sehr gut behandeln, daran sterben 1 bis 3 Prozent der betroffenen Menschen. Das ist immer noch viel, aber bei den meisten Erkrankten beherrschbar. Aber die Meningokokken können, wenn sie ins Blut übergehen und das Immunsystem nicht adäquat reagiert, quasi paralysiert, also gelähmt, ist, eine schwere Sepsis hervorrufen und die Patienten sterben oftmals innerhalb von Stunden. In diesem Fall liegt die Sterblichkeit bei 40 Prozent. Dies sind die Krankheitsbilder, die wir frühzeitig erkennen müssen, um diese hohe Sterblichkeit zu reduzieren.
Diese Patienten, die in der Notaufnahme ankommen, werden oft nach Hause geschickt, weil sie Symptome angeben wie: Ich fühle mich nicht wohl, ich habe Fieber und Gliederschmerzen. Also Symptome, wie sie häufig bei einem grippalen Infekt auftreten. Niemand denkt hier gleich an die schwere Meningokokken-Sepsis, medizinisch Waterhouse-Fridrichsen-Syndrom.
Was können wir konkret tun, um das zu verhindern?
Wir können natürlich nicht jeden mit einem grippalen Infekt prophylaktisch ins Krankenhaus aufnehmen. Aber, wir versuchen, über Screening-Maßnahmen gefährdete Personen herauszufiltern. Das gehört zu den Maßnahmen, die mit dem neuen Qualitätssicherheitsverfahren Sepsis Anfang 2026 eingeführt wurden. Andere Länder machen das schon sehr lange – Australien seit 20 Jahren, Großbritannien seit 15 Jahren. Dort hat sich das Screening bewährt, weil man dadurch mehr Patienten findet, die diese kritischen Sepsisverläufe haben. Durch das Screening ist das Unterscheiden zwischen kritischen Verläufen und banalen Infekten einfacher. Diese Instrumente implementieren wir am Klinikum Chemnitz gerade bei jedem Patienten in der Notaufnahme. Aber, auch auf Station. Das heißt, jeder Patient wird jeden Tag entsprechend dem Screening angeschaut und eingeordnet.
Daten aus Australien zeigen, dass dieses Screening wirklich hilft: Dort gibt es mittlerweile 15 Prozent weniger Todesfälle an der Sepsis. Aktuelle Zahlen aus Europa zeigen ebenfalls eine deutlich reduzierte Sterblichkeit, allein durch die Nutzung dieser Screening-Instrumente.
Wenn die Maßnahmen so wirksam sind, warum ist es dann so schwierig, sie bei uns zu implementieren?
Es ist leider typisch deutsch, dass wir solche Sachen immer relativ spät übernehmen. Und es ist typisch, dass erst einmal alle motiviert werden müssen, die Instrumente anzunehmen und konsequent zu nutzen. Weil es etwas anderes ist, es ist ungewohnt. Wir müssen uns aber umstellen, umgewöhnen. Es gibt viele, die gern mitmachen wollen, weil die Maßnahmen wirklich etwas bringen. Aber, die Stufe – es macht mir ein paar Minuten mehr Arbeit, aber ich sehe den Effekt – zu überwinden, das ist ein bisschen beschwerlich. Das ist übrigens ein sehr menschliches Verhalten.
Wie kann man hier eingreifen, um diesen Weg zu erleichtern?
Vielleicht hilft hier das Wissen, dass die neue Qualitätsrichtlinie ein echtes Plus für Patienten ist. Es gibt so viele Qualitätsmaßnahmen, bei denen man sich streiten kann, ob sie so umgesetzt werden müssen. Aber, das QS-Verfahren Sepsis, korrekt und konsequent umgesetzt, hat einen echten Mehrwert für Patienten, da es die Sterblichkeit signifikant reduziert. Und das ist es doch, was wir alle wollen.
Was gehört denn alles zu dieser Sepsis-Richtlinie?
Dazu gehört ein ganzes Bündel an Maßnahmen. Die Früherkennungstools sind das eine. Ein weiteres sind Fortbildungen. Jeder im pflegerischen und ärztlichen Bereich muss sich fortbilden – dafür haben wir eine Online-Fortbildung. Bestimmte Bereiche sind von der Richtlinie ausgenommen. Wir halten es aber für sehr sinnvoll, dass sich auch die Mitarbeitenden dieser Bereiche fortbilden, denn auch zum Beispiel in der Psychiatrie kann mal ein Patient mit einer Sepsis auftreten. Die Kinder- und Jugendmedizin ist derzeit noch ausgenommen, wird aber nachziehen. Auch da halten wir es für sinnvoll, wenn sich die ersten schon jetzt informieren.
Auch die Behandlung von Sepsis gehört dazu. Dafür gibt es Leitlinien, die aktuelle ist von 2025, deren Aktualisierung von 2026. Diese Leitlinien sollten konsequent angewendet werden und es muss dokumentiert werden.
Und das dritte ist die Vorbeugung der Sepsis. Dazu haben wir eine Reihe von Hygienemaßnahmen. Ein großer Einflussfaktor sind hier die Fremdkörper, die wir in den Körper einbringen – bei Infusionen, beim Blutabnehmen, bei Operationen. Diese Fremdkörper können mit Bakterien besiedelt werden, die dann eine Sepsis auslösen können. Hier ist die konsequente Einhaltung von Hygienemaßnahmen wichtig. Auch dafür wird es Schulungen geben, die überprüft werden durch Audits.
Was auch dazugehört, ist die Versorgung des Post-Sepsis-Syndroms, also was passiert mit den Patienten, wenn sie eine Sepsis überstanden, aber noch Folgebeschwerden haben. Diese sind oft sehr ausgeprägt und deshalb muss man sich um diese Patienten kümmern. Da sind wir aber auf einem ganz guten Weg.
Wie lange haben wir Zeit, die Richtlinie einzuführen, und was droht, wenn es uns nicht gelingt?
Das QS-Verfahren Sepsis ist eine vom Gemeinsamen Bundesausschuss, also von der Bundesregierung, vorgegebene Richtlinie, die wir erfüllen müssen. Es ist also keine Frage, ob wir die Richtlinie implementieren wollen, sondern dass wir sie so schnell wie möglich implementieren. 2026 ist sozusagen die Pilot- und Übungsphase, ab 2027 ist die Echtphase. Wenn dann in 2028 rückwirkend für 2027 überprüft wird, ob wir alle Vorgaben einhalten und dabei treten Probleme oder Fehler auf, dann müssen wir mit Restriktionen rechnen bei der Patientenversorgung. Die Strafen sind empfindlich und es kann uns viel Geld kosten, was uns dann für andere notwendige Investitionen in der Kasse fehlt.
Was ist denn jetzt zu tun, um die Leitlinie fristgerecht am Klinikum zu implementieren?
Ganz wichtig ist, dass alle die Fortbildungen besuchen. Und wir müssen das Screening strikt anwenden und dann die entsprechenden Konsequenzen für die Behandlung daraus ziehen. Also, Sepsis erkennen und handeln.