Klinikum Chemnitz klärt seltene Erbkrankheit nach sechs Fehlgeburten

| Datum: Dienstag, den 10.03.2026 um 14:00 Uhr

Nach sechs tragischen Schwangerschaftsverlusten und einer jahrelangen Odyssee durch zahlreiche medizinische Einrichtungen hat ein Paar aus Freiberg im Klinikum Chemnitz endlich Gewissheit über die Ursache seines Leidens erhalten. Die heute 30-jährige Diana Ezzad und der 33-jährige Nadim Halwi, die 2014 aus der Region Aleppo nach Deutschland kamen, litten jahrelang unter Ungewissheit. Von allen Schwangerschaften überlebten nur ein heute vier Jahre altes Kind und ein zwei Jahre altes Kind, das mit einem offenen Bauch (Gastroschisis) als Frühgeburt in der 26. Woche zur Welt kam. Die weiteren Babys starben zwischen dem vierten und sechsten Schwangerschaftsmonat im Mutterleib.

Lange Zeit konnten weder niedergelassene Ärzte noch Spezialkliniken die Ursache finden – bis die Patientin vor rund einem Jahr an PD Dr. med. habil. Thaddäus Till Wissniowski, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II, überwiesen wurde. „Beim Sichten der Patientenakte stellten wir fest, dass die Patientin bereits seit ihrer Jugend unter Gallensteinen und wiederholt erhöhten Gallensäurewerten litt. Aufgrund der Kombination aus perinatalen Komplikationen, deutlich erhöhter Gallensäurekonzentration im Blut und starkem generalisiertem Juckreiz vermuteten wir zunächst eine intrahepatische Schwangerschaftscholestase (ICP)“, erklärt PD Dr. Wissniowski.

Die Diagnostik gestaltete sich schwierig: Eine zuvor durchgeführte Leberbiopsie brachte keinen richtungsweisenden Befund. Erst eine umfassende genetische Analyse mit Untersuchung zahlreicher relevanter Gene lieferte nach mehreren Monaten die entscheidende Antwort. Die Patientin leidet an einer extrem seltenen, genetischen Erkrankung – einer familiären Hypercholanämie infolge eines Defekts des Gallensäuretransporters NTCP (SLC10A1). Diese Erkrankung wird autosomal-rezessiv vererbt. Weltweit sind bislang nur wenige Dutzend Fälle in der medizinischen Literatur beschrieben.

Ursache der Erkrankung ist eine Störung eines zentralen Transportmechanismus in den Leberzellen (Hepatozyten). Normalerweise nehmen Hepatozyten Gallensäuren aus dem Blut auf und schleusen sie wieder in den sogenannten enterohepatischen Kreislauf ein – ein hoch effizientes Recycling-System. Bei Diana Ezzad ist dieser Hauptaufnahmekanal eingeschränkt funktionsfähig. Gallensäuren werden zwar im Darm regulär aufgenommen, können jedoch von der Leber nicht ausreichend aus dem Blut entfernt werden. Dadurch steigt ihre Konzentration im Serum zum Teil deutlich an. Die überschüssigen Gallensäuren können sich unter anderem in der Haut ablagern und starken Juckreiz verursachen. Während einer Schwangerschaft sind erhöhte Gallensäurewerte – wie aus der Schwangerschaftscholestase bekannt – mit einem erhöhten Risiko für Komplikationen verbunden. Sie können vorzeitige Wehen begünstigen und stehen in Zusammenhang mit fetalen Herzrhythmusstörungen sowie intrauterinem Fruchttod. Ein bemerkenswerter Nebeneffekt des Defekts: Der Transporter NTCP dient auch als Eintrittsrezeptor für Hepatitis-B- und Hepatitis-D-Viren. Ist dieser Rezeptor eingeschränkt, kann der Viruseintritt in Leberzellen erschwert sein.

Die 30-jährige Patientin erhält nun eine ambulante Therapie mit Ursodesoxycholsäure, einer gut verträglichen Gallensäure, die die toxischen körpereigenen Säuren teilweise verdrängt und die Gallensäurezusammensetzung verbessert. Zusätzlich wird Rifampicin eingesetzt – ein Medikament, das normalerweise ein zentraler Bestandteil der Tuberkulosetherapie ist. In der Hepatologie wird es seit Jahren off-label bei schwerem cholestatischem Juckreiz verwendet. Rifampicin aktiviert in den Leberzellen spezielle Entgiftungsmechanismen und steigert die Bildung von Transportproteinen, die Gallensäuren chemisch verändern und ihre Ausscheidung erleichtern. Dadurch kann die Gallensäurebelastung gesenkt und der Juckreiz deutlich gelindert werden. Da Rifampicin selbst in seltenen Fällen Leberwertveränderungen verursachen kann, erfolgt die Behandlung unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle.

Unter der medikamentösen Therapie kam es zu einer deutlichen Besserung der Beschwerden. Trotz der neuen medizinischen Möglichkeiten hat das Paar nach den traumatischen Erlebnissen den Kinderwunsch aufgegeben. „Lange Zeit waren wir stark und haben viel durchgestanden. Doch nach so vielen Fehlgeburten haben wir einfach keine Kraft mehr für eine weitere Schwangerschaft“, sagt Nadim Halwi.

Diana Ezzad wird künftig regelmäßig zur Überwachung ihrer Leberfunktion in die Klinik für Innere Medizin II kommen. PD Dr. Wissniowski blickt zuversichtlich in die Zukunft: „Bei frühzeitiger Diagnose und angemessener Therapie können viele Betroffene heute ein relativ normales Leben führen. Wir planen eine wissenschaftliche Publikation, damit Fachkollegen weltweit für diese seltene Erkrankung sensibilisiert werden und ähnliche Fälle künftig schneller erkannt werden.“

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